Netzwerk Musik

Illustration: Christiane Büchner

Konferenz | 25 Februar 2021  

Netz<>Werk | Musik

Dies ist der musikalische Countdown zur LaDOC-Konferenz Netz<>Werk vom 5. bis zum 7. März 2021

1 Woche noch

Wir hören: Le Tigre mit „Get Off The Internet“!

Wir lieben das Internet, es bringt uns zum Weinen – it’s complicated! Darauf können wir uns nach sechs Wochen Netz<>Werk-Soundtrack featuring Gurr, France Gall, Priests, Haiyti und Weaves wohl einigen. LeTigre schlagen entsprechend zum Abschluss eine Pause vor: „Get Off the Internet“!

Keine Sorge, zum Abschluss dieses Countdowns schlägt die Playlist nicht in lupenreinen Kulturpessimismus um – einige meiner besten Freund_innen kommen aus dem Internet. Und überhaupt: Wenn LeTigre nicht der Prototyp des Popfeminismus sind, dann weiß ich es auch nicht! Aber es ist doch so: Digitales Rumlungern, ein Klick hier, ein Hashtag da – das reicht einfach nicht.

Als die New Yorker Post-Riot-Grrrls 2001 ihre EP From the Desk of Mr. Lady veröffentlichen, schreien sie „Get Off the Internet“ entsprechend nicht wegen nerviger Tindermatches oder Spam-Mails. Sie schreien den Satz auch nicht wegen der Gefahr, viereckige Augen zu bekommen. Mit ihrem Slogan erinnern sie uns vielmehr daran, dass es mit Klicktivismus und Hashtag-Feminismus nicht getan ist. Zwischendurch müssen wir raus aus unseren digitalen Bubbles und auf der Straße Flagge zeigen – am besten gemeinsam mit den Verbündeten aus dem Netz. Das „I’ll meet you in the streets“ ist aktuell aus bekannten Gründen eher schwierig, klar. Der synchrone Austausch zur Netz<>Werk-Konferenz kommende Woche ist aber sicher ein guter Anfang.

2

2 Wochen noch. Wir hören: Weaves mit „Internet Tears“!

„Sometimes the internet makes me cry at night“ – wer kennt es nicht? Gesprächsbeiträge, die in der Zoom-Konferenz irgendwie immer länger sind als im analogen Raum. Homeschooling ohne entsprechende Endgeräte. Netflix im Shuffle-Modus, weil ins Kino gehen grad nicht drin ist… ich muss es wohl gar nicht weiter ausführen. Als die Indie-Pop-Band Weaves aus Toronto Ende 2019 ihren Song „Internet Tears” als Ankündigung für das neue Album veröffentlicht, weiß sie von all den kleinen und großen Internet-Sinnkrisen des Folgejahres noch nichts. Oh Du selige Unwissenheit! Auf das dann dritte Studioalbum warten wir leider immer noch – wahrscheinlich haben die Krisen was damit zu tun.

Bei allem Rumgeheule: Weaves nehmen es schon damals mit Humor und präsentieren für ihren Song „Internet Tears“ ein wunderbar glitchy Musikvideo, das sie in Eigenregie produzieren. Während die Boys in Overalls vor dem Green Screen performen, ruft uns Sängerin Jasmyn Burke in Erinnerung, warum wir es eigentlich doch gar nicht so schlecht finden im World Wide Web: YouTube-Karaoke, geteiltes Wissen in Online-Enzyklopädien und die Videos unserer Lieblingsbands finden wir schließlich genau hier zwischen all den Buttons und Emojis aus Einsen und Nullen.

3

3 Wochen noch. Wir hören: Haiyti – „Zu real“!


Eine, die das YouTube-Game für sich zu nutzen weiß, ist definitiv Haiyti! Allein in den letzten zwölf Monaten hat die Rapperin aus Hamburg 16 (in Worten: sechzehn) Musikvideos zu ihren letzten zwei Alben veröffentlicht. Das jüngste Release heißt dann auch entsprechend Influencer. Die Namensgebung hat sicher was von Suggestion – hier darf gerne noch mehr geklickt werden!

Ein Film ist wilder als der andere und von animiertem lila Kuschelmonster bis zu grauer Platte ist visuell alles dabei. Dazwischen sehen wir schicke Autos, Häfen… Sehnsuchtsort: woanders.

Die Frau hat nicht nur Ambitionen, sondern auch Skills en masse. Haiyti verschränkt in Wortspielen Szene mit sogenannter Hochkultur – nach Sartre-Verweisen wäre nochmal zu suchen. Zu schreiben, dass sich in ihr Kunsthochschule und Straße treffen, wäre ein bisschen einfach. Aber ganz falsch ist es eben auch nicht. Dass ihre Karriere noch nicht durch die Decke geht, versteht sie selbst am allerwenigsten. Wahrscheinlich ist sie einfach „Zu real“.

4

4 Wochen noch. Wir hören: Priests – „YouTube Sartre“!

Das Internet ist unendliches Archiv und so findet man auf YouTube eben nicht nur Tutorials für Rollschuh-Tricks und Musikvideos, sondern auch Clips von Philosophen wie Jean-Paul Sartre, auch wenn der von seinem Glück nichts weiß. Es ist jedenfalls eines dieser Videos gewesen, das Katie Alice Greer von Priests aus Washington D.C. zu den Lyrics des Songs „YouTube Sartre“ inspiriert hat. Sie erklärt, dass die ersten Verse des Songs Zitate des französischen Philosophen seien: „There’s no way to overthrow / the bourgeoisie / except tossing a hand grenade / into your society“. Von hier aus schraubt sich Greer weiter hinein in eine Kritik an der verklärenden Boomer-Generation und irgendwie auch an der Kulturindustrie. Sie tut das wohlwissend, dass es nicht einfach ist, schließlich kommt die Kritik im Gewand eines Popsongs daher.

„YouTube Sartre“ ist ein treibender Song, der sich das Ausbrechen aber nicht so recht erlauben will. Mit der Emphase für Computer und Netz, wie sie France Gall (zweiter Song unseres Countdowns) und Gurr (erster Song) schon fast juchzen lässt, hat das hier nicht so viel zu tun. Aber ein wenig kritischer Geist darf auch nicht fehlen, wenn wir uns mit dem Netz auseinandersetzen. So viel ist klar!

Anna Seidel

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5 Wochen noch. Wir hören: France Gall – „Computer Nummer 3“!

Wie war das noch vergangene Woche: Kraftwerk als Pioniere der Computerliebe? Pustekuchen! Wenn in dieser Frage eine Early Adopter ist, dann jawohl France Gall! Obwohl 1968 wirklich – wirklich noch alles zu 100 Prozent analog läuft – von der Aufnahme bis zur Veröffentlichung als Single – singt die französische Chansonnière vom Online-Dating. Gall besingt die Vorzüge noch lange bevor an Apps wie Tinder und Co. überhaupt zu denken ist. „Der Computer weiß genau für jeden Mann die richtige Frau“ – es ist schlicht herrlich.

Wie schon im Gurr-Song Computer Love kommt übrigens auch hier der Computer selbst zu Wort, als er die Merkmale der potentiellen Love Interests statisch herunterrattert: „Alt: 22 Jahre, schwarze Haare, von Beruf Vertreter, Kennzeichen: Geld wie Heu.“ Auch hier kommt entsprechend Emphase auf, auch hier wird ekstatisch geschrien: „Wohooo!“ Ein Hoch auf die „Elektronenhirne“!

Anna Seidel

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6 Wochen noch. Wir hören: Gurr – Computer-Love

„I LOVE THE INTERNET“ – wenn dieser Slogan nicht wie Arsch auf Eimer zur diesjährigen LaDOC-Konferenz passt, dann weiß ich es auch nicht. Klar, hier wird die Not zur Tugend gemacht. Aber wenn schon, denn schon: Ein ekstatischer Schrei und los geht’s!

Klar wissen Gurr, die man nicht zufällig wie das ‚Gör‘ spricht, dass Kraftwerk 1981 schon mal einen Song unter genau diesem Namen veröffentlicht haben. Was allerdings damals definitiv noch Neuland war, ist als die Berlinerinnen 2016 ihr Debütalbum In My Head mit dem Song drauf veröffentlichen längst zum Zuhause geworden. Dies ist eine Liebeserklärung an das Netz. Diese Liebeserklärung kommt von Andreya Casablanca und Laura Lee, zwei Ladies also, die im Internet groß geworden sind und die sicher auch 2021 noch ihre ICQ-Nummern auswendig können.

Soundmäßig erinnert übrigens ohnehin nicht viel an Kraftwerk – außer vielleicht die Roboter-Stimme, die „Computer Love“ intoniert. Hier soll aber auch nix an Kraftwerk erinnern. Das hier ist Garage-Rock! Der Song wird zum analog aufgenommenen Soundtrack für die digitale Welt!

 

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Unsere DJ für die Konferenz ist Anna Seidel. – Foto: Sarah Hähnle

 

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One Response

  1. […] Gespräche und der Workshop werden begleitet von einem popfeministischen Musikprogramm der Kulturpoetin Anna […]

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