Helke Sander in ihrem Film Redupers

news | 1 Dezember 2017  

Eröffnungsrede Kraftfelder

Die Eröffnungsrede unserer Konferenz KRAFTFELDER:

Liebe Gäste,

Wir eröffnen heute mit einer “Denkmöglichkeit”, die die Regisseurin Helke Sander 1980 aufgeschrieben hat.

Man stelle sich also vor:

Zitat: „Was junger deutscher Film heißt, würde sich zusammensetzen aus Frauen. Namen von Frauen, die Jahr für Jahr wiederkehren und das Bewusstsein der Zuschauer über Film strukturieren. Zwischen diesen 10 bis 20 immer wiederkehrenden Namen – und die neuhinzukommenden wären ebenfalls Frauen – gäbe es 1 bis 2 Männer, aber in jedem Jahr wären es andere oder neue Kombinationen. Mal ist es, sagen wir, Fassbinder, 7 Jahre später taucht er wieder auf mit einem interessanten 16 mm schwarz/weiß Film. Einmal ist es Schlöndorff, der in der Zwischenzeit mit 1/2 Zoll – Video experimentiert hat und damit in evangelischen Jugendgruppen zum Begriff geworden ist, einmal ist es Kluge, der für die Durchsetzung von Männerfestivals kämpft. Herzog wäre in der Nervenheilanstalt, weil er nicht darüber hinweggekommen ist, dass eine für 70 mm Breitwand geplante Geschichte nur für Super 8 akzeptiert wird, und Syberberg zöge mit einer einspaltigen Zeitungskritik, die vor Jahren einer aus Mitleid verfasst hat, durchs Land, verwiese auf seinen Ruhm und leitete daraus einen Anspruch auf Geld ab.”

Vor einem Jahr lud LaDOC Filmnetzwerk zum ersten Mal Frauen aus allen Bereichen der Filmbranche zu einer Konferenz unter Thema WENDEPUNKTE ein. Darunter auch Helke Sander.

2016 wurden die Ergebnisse der umfassenden Studie „Frauen in Kultur und Medien” veröffentlicht, an der wir uns auch beteiligt hatten, und der 2017 weitere folgen sollten. Es waren natürlich nicht die ersten Zahlen, aber sie entfalteten vor dem v.a. von ProQuoteRegie aufgebauten öffentlichen Druck, eine unmissverständliche Wirkung. Nein, wir Frauen bilden uns das nicht ein. Alle Studien – ob vom Kulturrat durchgeführt, von der FFA im Verbund mit ARD und ZDF, von Verbänden oder von privaten Stiftungen – alle kommen zu demselben Ergebnis: ob vor oder hinter der Kamera, in allen Gewerken, bei der Bezahlung, auf den Festivals, usw. haben Frauen zahlenmäßig deutlich das Nachsehen. Das kann eine Branche nicht hinnehmen. Und sie darf es auch nicht, wenn sie hauptsächlich mit öffentlichen Geldern betrieben wird.

Wir wollten deshalb gemeinsam darüber nachdenken, wo sich in den Biografien von Filmemacherinnen Umstände finden, die ihre Arbeit immer wieder ins Stocken bringen. Wir hatten einen Punkt getroffen, der uns alle auf die eine oder andere Weise direkt betraf. Trotzdem mochten wir auf keinen Fall zwei Tage solidarisch beieinander hocken und uns beklagen. Im Gegenteil, wir wollten unsere Konkurrenz beiseite legen, unsere Hamsterrädchen verlassen und offen über unsere Arbeit, unsere Ziele und unsere Möglichkeiten sprechen.

Wir beide – Christiane Büchner/Carolin Schmitz und ich – starteten daher unter den Absolventinnen der KHM eine Umfrage. Wir wollten wissen, welche Wege sie nach ihrem Diplom gegangen waren. Hatten sie sich als Filmemacherinnen, Editorinnen, Kamerafrauen, usw. etablieren können? Wir wollten keinen Fragebogen, sondern baten um einen freien Text – egal wie lang.

Die Aktion kam nur ganz schleppend in Gang. Immer wieder mussten wir die Modalitäten ändern, mussten versprechen keine Namen oder näheren Umstände öffentlich zu machen. Wir waren bestürzt darüber, wie viel Scham unsere – vielleicht allzu arglose – Bitte ans Licht brachte.

Frauen und Männer, leiden unbestreitbar gemeinsam unter der Konkurrenz, in der wir alle zueinander stehen. Weil alles immer noch schneller, billiger, mundgerechter oder anderswo auf der Welt zu haben ist, werden die ökonomischen und inhaltlichen Zumutungen auch immer unverfrorener. Das alles hilft nicht die Verhältnisse insgesamt zu verändern, sondern reaktiviert im Gegenteil alte Denkmuster und den Schulterschluss der Männer, die ihre Privilegien verteidigen. (Oder wie es ein erschöpfter Kollege und Freund formuliert hat: „Das jetzt auch noch!”). Wenn Quoten für die Kollegen nur ein weiterer Baustein in ihrer eigenen Misere darstellen, sind sie für die Kolleginnen der vielleicht einzige Weg zu einem Ausgleich des Gesamtbildes.

Wir sind es alle leid, uns der einen oder anderen Sorte Mensch zugehörig fühlen zu sollen, aber so lange es nicht zu einem gerechten Miteinander zwischen Frauen und Männern kommt, kann dieser Weg nicht abgekürzt werden. Auch wenn wir uns bewusst sind, wie viele weitere Privilegien jenseits von Geschlecht noch zur Disposition stehen müssen.

„So lange ihr nicht über die Hälfte des Geldes verfügt, wird sich gar nichts ändern!“ Dieser wütende Einwand kam letztes Jahr von Dörte Haak-Rogler, die zu den Klägerinnen des Verbandes der Filmarbeiterinnen gehörte, die 1987 eine Beschwerde beim Verfassungsgericht angestrengt hatten, um eine geschlechterparitätische Besetzung der Vergabegremien der Filmförderung durchzusetzen. Die Beschwerde wurde damals vom Verfassungsgericht abgelehnt. Die Begründung wirkt heute befremdlich: das Verfassungsgericht sähe es nicht als seine Aufgabe an zwischen der Verfassungsnorm „Männer und Frauen sind vor dem Gesetz gleich” und der Verfassungswirklichkeit zu vermitteln. Eine Quote einzuführen war damals nicht vorstellbar.

Frauen spielten offenbar vor 30 Jahren in der Filmwirtschaft noch eine zahlenmäßig so geringe Rolle, dass das Gericht keine Notwendigkeit sah ausgleichend einzugreifen. Ein Teufelskreis. Das ist heute anders: fast die Hälfte des Abgänger*innen von Filmhochschulen sind Frauen, es gibt genug Frauen auf dem Markt. Und es gibt Zugeständnissen, an denen man diese Tatsache auch ablesen kann: Seit dem 1. Januar 2017 verlangt das Filmförderungsgesetz (FFG), dass Männer und Frauen zu gleichen Teilen die Gremien bilden. Bleibt nun die Frage nach der Hälfte des Geldes …

Die Idee zu dem Thema KRAFTFELDER entstand während der Gespräche im letzten Jahr. Denn während wir im Werk von Filmemacherinnen nach neuralgischen Wendepunkten suchten, fanden wir auch viele Bewegungen der Frauen, die weg von der eigenen Karriere, in gemeinsame Aktionen führten. Alle diese kollektiven Ansätze hatten das Ziel Arbeitszusammenhänge zu schaffen, in denen die Grundlagen der Zusammenarbeit neu verabredet werden konnten. Durch Öffentlichkeit ließ sich das Bild modellhaft verändern und der Mehrheit beweisen, dass es eben doch auch anders geht.

Was muss zusammenkommen, damit sich Freiräume bilden, die Wirkung entfalten? Welche Rolle spielen die Filme dabei?

Filme waren bis noch vor recht kurzer Zeit schwer verfügbar und Kinos deshalb wichtige Orte, um derenProgramm sich eigene Kraftfelder bildeten. Diese Rolle haben die Kinos jetzt nicht mehr, und es braucht andere Räume, in denen wir uns gegenseitig und alle zusammen wahrnehmen können.

Alle Gäste, die wir für die kommenden Tage eingeladen haben, verbindet Film als kollektives und öffentliches Ereignis, das künstlerische, politische, und soziale Aktivität erzeugt.

Die Filmemacherin Birgit Hein, die in den 60er Jahren anfing Experimentalfilme zu machen, erzählt, dass es zu dieser Zeit keine politische oder sonstige Bewegung gab, in der sich Künstler aus diesem Feld hätten treffen können. Deshalb gründete sie gemeinsam mit ihrem damaligen Mann Wilhelm Hein das Kölner Studio für unabhängigen Film XSCREEN, das die Filmemacher*innen vernetzt und nicht zugängliche Filme öffentlich aufführt. Es entsteht eine politische Bewegung.

Auch die Künstlerin Paya Germonprez  füllt ein Vakuum. Sie ist eine der wichtigen Akteurinnen, als in Gent 1970 das Kino Studio Skoop gegründet wird. Das Kino zeigt Filme, die sonst nicht zu sehen sind, gründet ein Filmfestival und wird mit seinem Café zum zentralen Treffpunkt für Kulturschaffende und politische Aktivisten in Belgien. Als das Kino wirtschaftlich scheitert, steht Paya Germonprez auch dafür ein. Jetzt hat sie ein wunderschönes Buch mit dem Titel „Skopiumschuivers“ herausgebracht, das die gesellschaftliche Wirkung, die vom Studio Skoop ausging, nachzeichnet.

Die Kuratorin und Filmwissenschaftlerin Madeleine Bernstorff hat in vielen kollektiven Zusammenhängen gearbeitet. 1989 gehört sie zu den Gründerinnen von Blickpilotin e.V. in Berlin, einer Initiative für ein feministisches kommunales Kino. Zitat: „Was die ‘Blickpilotinnen‘ mit der Zunft des Fliegens verbindet sind Revierkenntnis, Sachverstand und wache Augen. Ihre Aufmerksamkeit gilt zeitgenössischen Regisseurinnen und Filmarbeiterinnen sowie jenen der Vergangenheit und Zukunft. Das professionelle Navigieren durch die Filmgeschichte schreibt diese gleichsam um und entdeckt sie neu”.

Zusätzlich zur Lecture mit Madeleine Bernstorff über ihre Arbeit werden wir vier Filmprogramme sehen, die Studenten und Studentinnen der FU Berlin und der KHM Köln gemeinsam mit Madeleine kollektiv kuratiert haben. 16mm-Filme aus den Archiven des Arsenal in Berlin und den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Ein eigenes Kraftfeld!

Die Filmwissenschaftlerin, Regisseurin und Aktivistin Alisa Lebow ist in ihren Projekten immer alles zugleich: Theoretikerin, Filmemacherin und Aktivistin. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist ihr Web-Projekt FILMING REVOLUTION, das ägyptische Filmemacherinnen und Filmemacher vorstellt, die während der Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo aktiv waren. Die Meta-Documentary verbindet Themen und Orte zu einem komplexen Netz aus detaillierten Beschreibungen, das individuell sehr unterschiedlich durchdrungen werden kann. Eine neue Form des Dokumentarischen und Kraftfelder einer anderen Entschiedenheit. Revolution und Film, aber auch the filming self, gehören zu den Themen von Alisa Lebow.

Die Konferenz wird heute Abend eröffnet mit der Regisseurin Valeska Grisebach. Wir freuen uns sehr, dass sie gekommen ist und wir im Anschluss an das Gespräch ihren Film „WESTERN“ gemeinsam sehen können. Unter dem Titel Filme in die Welt bringen, werden Bettina Braun und Solveig Klaßen mit Valeska Grisebach über die Entstehung von „WESTERN“ und ihre Zusammenarbeit mit der Produktion Komplizenfilm sprechen. Komplizenfilm ist eine langjährige Gemeinschaft von Produktion und Regie, die Handlungsspielräume ermöglichen kann, die den Filmen zugute kommen. Auch eine Geschichte sorgfältiger Kollaboration.

Vielen Dank an das Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW und das Kulturamt der Stadt Köln, die maßgeblich zur Finanzierung beigetragen haben.

Das Filmprogramm, Kollektiv Kuratieren, wurde finanziert vom Gleichstellungsbüro der Kunsthochschule für Medien, die uns ab morgen auch ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt.

Für die Eröffnung heute danken wir Bernhard Marsch und dem Filmclub 813, bei dem wir schon oft zu Gast waren.

Sehr verbunden sind wir auch unseren langjährigen Sponsoren und Kooperationspartnern:

der Dokumentarfilminitiative, Berndt Media und der Kinokulturzeitschrift choices.

Gesa Knolle und Nathalie Knoll vom Kino Arsenal, Berlin, sowie Carsten Spicher und Chris Schön von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen für ihre Unterstützung.

Unsere Publikationen werden unterstützt von tanmedia.

Die Übersetzung der Texte ins Englische wurden von Subtext übernommen.

Das Internationale Frauenfilmfestival Dortmund/Köln präsentiert die Abschlussrunde. Vielen Dank dafür.

Vielen Dank auch für den Kaffee, der großzügig für die gesamte Zeit der Konferenz, von der Van Dyck Kaffeerösterei spendiert wird.

Wir schätzen uns sehr glücklich, auch diesmal wieder von der Österreichischen Spitzengastronomie Gruber’s Restaurant bewirtet zu werden. Wenn es so wird, wie im letzen Jahr, dann hat sich die Konferenz schon aus diesem Grund gelohnt.

Solveig Klaßen, dir vielen Dank für die Vermittlung zur und innerhalb der KHM und für deine Mitarbeit.

Und vor allen Dingen vielen, vielen Dank an Elfriede Schmitt, die alles zusammenhält. Ohne sie würden wir heute nicht hier stehen!

LaDOC hat keine Vorsitzende, keine Kassenwartin, keine Hierarchie. Wir hantieren mit der freien Zeit, die uns unsere Filmarbeit, Lohnarbeit und unser Familienleben lässt. Das wechselt und bringt immer neue Themen und Konstellationen nach außen. Wir verstehen uns als Gastgeberinnen eines öffentlichen Gesprächs. Wir suchen den Austausch zwischen den Generationen, den Gewerken und den Geschlechtern. Kraftfelder haben für uns eine besondere Bedeutung. Deshalb freuen wir uns, dass Sie alle gekommen sind!

Vielen Dank!

Christiane Büchner und Carolin Schmitz

LaDOC Gastgeberinnen

Konferenz Kraftfelder

Köln, 30.11.2017

Hier könnt ihr die Rede downloaden: Eroeffnungsrede_Kraftfelder

*aus: Helke Sander: Die Madonna mit der Kreissäge, in: Frauen in der Kunst, Bd. 2, hrsg. von Gislind Nabakowski, Helke Sander, Peter Gorsen, Frankfurt 1980