Unbeschreiblich weiblich

LaDOC-Mitglied C. Richarz mit der Kamera bei Dreharbeiten 2017 auf dem Atlantik.

news | 8 November 2020  

Unbeschreiblich weiblich? Arte Wettbewerb

Arte hat einen Kurzfilmwettbewerb für Regisseurinnen mit dem Thema „Unbeschreiblich weiblich“ ausgeschrieben. Biene Pilavci und Pary El-Qalqili  von der Initiative Nichtmeintatort haben einen offenen Brief an Arte verfasst.

Die Unterzeichner*innen erkennen in der Ausschreibung des ARTE Kurzfilmwettbewerb kein ernsthaftes Bemühen um Gendergleichberechtigung, sondern eine klare Diskriminierung von Regisseurinnen.

Petra Hoffmann, LaDOC-Mitglied und Mitglied des Bundesvorstands der AG DOK, hatte 2018 eine Genderstudie in Auftrag gegeben, die auf dem DOC-Fest Leipzig u.a. mit MDR-Intendantin Karola Wille und Christine Berg diskutiert wurde. Prof. Wille sagte damals zu, den Anteil der Regisseurinnen bis 2021 auf 40 % erhöhen zu wollen. 2019 wurde die Studie auf dem DOC.fest München vorgestellt und ein Speeddating mit vielen Redakteur*innen und ca. 50 Regisseurinnen veranstaltet. D.h. die AG Dok hat die Problematik umfassend in die Sender getragen. Trotzdem schreibt  ARTE eine solche Ausschreibung aus. Für alle, die noch einmal die Ergebnisse der Genderstudie nachlesen wollen, ihr findet sie hier: https://agdok.de/de_DE/gender-dok

Dies ist der Brief an Arte:

Mit großer Irritation haben wir die ARTE-Ausschreibung „Regisseurin gesucht“ vom 27. Oktober 2020 gelesen. Wir bezweifeln, dass ARTE mit dieser diskriminierenden Initiative die fehlende Repräsentation von Regisseurinnen ändern wird. 

Die Erkenntnis, dass es eine strukturelle Benachteiligung von Frauen* in der deutschen Film- und Fernsehbranche gibt, ist nicht neu. Der Diversitätsbericht des BVR von 2018 belegt, dass Regisseurinnen nicht angemessen in der Film- und Fernsehbranche vertreten sind, obwohl mehr als 50% der Absolvent*innen der Filmhochschulen Frauen* sind.

Seit 2014 engagiert sich Pro Quote Regie/Film filmpolitisch für eine Umsetzung der 50/50 Quote. Bereits 2016 erhielt ARTE ein umfangreiches Paket von Pro Quote Regie mit den Filmographien qualifizierter und zur Verfügung stehender Regisseurinnen.

Welche Maßnahmen hat ARTE seitdem ergriffen, um eine gerechte Teilhabe von Regisseurinnen umzusetzen? 

In der Ausschreibung „Regisseurin gesucht“ können wir kein ernsthaftes Anliegen von ARTE erkennen, sich für Gleichberechtigung der Geschlechter einzusetzen. 

  1. ARTE schreibt einen Wettbewerb aus, für den Filmemacherinnen einen Kurzdokumentarfilm produzieren und einreichen sollen.

→  Das bedeutet, die Regisseurinnen sind aufgerufen, unentgeltlich einen Film herzustellen. 

  1. ARTE limitiert die Ausschreibung auf das Thema „Unbeschreiblich weiblich“.

 Das heißt, die Regisseurinnen werden in ihrem Schaffen von vornherein auf die Themen der vermeintlichen „Weiblichkeit“ und des „weiblichen Blicks“ reduziert.

  1. ARTE bietet der Gewinnerin des Wettbewerbs einen Entwicklungsvertrag für ein 52-minütiges Format an.

 Die Ausschreibung fördert somit keine tatsächlich gleichberechtigte Teilhabe von Regisseurinnen, v.a. nicht auf einem Prime-Time Sendeplatz.

  1. ARTE richtet seine Ausschreibung explizit an Nachwuchsregisseurinnen.

→ Das heißt, der Sender ignoriert die Existenz mehrerer Generationen qualifizierter Regisseurinnen.

Wir fordern:

  • eine sofortige Überarbeitung der ARTE-Ausschreibung „Regisseurin gesucht“ 
  • Strukturelle Gleichberechtigung und gerechte Teilhabe von Regisseurinnen bei ARTE
  • Eine Einführung der Gender-Quote für alle ARTE-Sendeplätze und ARTE-Filmproduktionen
  • Transparente Maßnahmen aller ARTE-Redaktionen, um die Gendergleichberechtigung von Autorinnen*, Regisseurinnen*, Cinematografinnen*, Editorinnen*, Tonfrauen* und Filmmusikkomponistinnen* umzusetzen
  • Gender-Monitoring von allen redaktionellen Entscheidungen
  • verpflichtende Fortbildungen zu Feminismus- und Gendergleichberechtigung für alle ARTE-Redakteur*innen und Programmverantwortlichen

Wir erwarten des Weiteren, dass ARTE als europäischer Kultursender mit Vorbildfunktion Verantwortung für die Produktionsbedingungen übernimmt. Regie ist nicht unser Hobby, sondern unser Beruf. Die Ausschreibung fördert eine (selbst)ausbeuterische Arbeitsweise, von der erneut diejenigen ausgeschlossen sein werden, die sich ein selbstfinanziertes Filmprojekt nicht leisten können. 

Über ein konstruktives Gespräch freuen wir uns.

Am 26.11.2020 erschien ein Artikel in der taz zu diesem Thema. LaDOC-Mitglied Bettina Braun hat ebenfalls dazu mit der taz-Redakteurin Xenia Balzereit gesprochen.


2 Responses

  1. Taly Journo sagt:

    Wie kann ich euch bei eurem Vorhaben unterstützen?

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