Agnes Varda

Angelika Huber, Didier Rouget, Caroline Nokel, Jürgen Lütz. Foto: Mirjam Leuze

lectures | 13 März 2020  

Ich gehe in die Unschärfe

– sagt Agnès Varda am Ende ihres autobiografischen Films Varda par Agnès.

„Ihre künstlerische Haltung hingegen war scharf umrissen, sehr klar: Sie war, was sie tat“, sagt ihr Freund und Mitarbeiter Didier Rouget.

Hommage an Agnès Varda

Am 16. Februar 2020 ging die Hommage an Agnès Varda, die im Mittelpunkt der Jubiläumsausgabe der LaDOC Lectures stand, im traditionsreichen Odeon Kino in Köln erfolgreich zu Ende. Es war eine sehr schöne, inspirierende Matinée. Jürgen Lütz, Geschäftsführer, stellte bei seiner Begrüßung im vollen Kinosaal fest, dass der Film gerade mehr Zuschauer*innen erreiche als in der deutschsprachigen Schweiz während seiner bisherigen Laufzeit. Mit dem Verleih FilmKinoText gibt er den Film in Deutschland heraus.

Varda par Agnès ist das Vermächtnis der Künstlerin. Sie führt das Publikum durch ihr Leben und ihr künstlerisches Werk als Filmemacherin, Fotografin und Installationskünstlerin. Mit assoziativen Zeitsprüngen erzählt sie so lebendig, dass ihr Film auch für Zuschauerinnen und Zuschauer unterhaltsam bleibt, die mit ihren Werken nicht vertraut sind und erzeugt eine Neugierde auf alle ihre Arbeiten.

Agnès Vardas Arbeitsweise

Im Werkstattgespräch, moderiert von LaDOC-Mitglied Caroline Nokel, beschrieb Didier Rouget, der langjährige Mitarbeiter und Co-Regisseur von Agnès Varda, ihre einzigartige und eigenwillige Arbeitsweise: „Agnès Varda war nicht unbedingt eine Filmemacherin. Sie war eine Künstlerin, die Filme gemacht hat. Das ist ein großer Unterschied. Filmemacher haben als Rohmaterial ihr Skript, ein Drehbuch. Schreiben war für Agnès extrem riskant. Ihre künstlerische Haltung war die einer Bildhauerin, einer Malerin: „Wir drehen erstmal und ich finde dann heraus, was ich daraus mache.“

Agnes Varda Odeon

Didier Rouget, neben ihm die Übersetzerin, und Caroline Nokel beim Werkstattgespräch. Foto: Angelika Huber

 

Didier Rouget, der zum engsten Freundeskreis von Agnès Varda gehörte, lässt uns an ihrer letzten Zeit teilhaben: „Ihr Abschied war sehr fröhlich. Wir haben in den letzten Jahren viel über den Tod gesprochen. Sie hat immer gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Tod.“

Agnes Varda GR

LaDOC-Mitglied Christiane Büchner, Graphic Record Künstlerin, hat die Veranstaltung im Odeon-Kino festgehalten.

 

Agnes Varda Christiane Büch er

Christiane Büchner in Aktion. Foto: Claudia Richarz

Hier ist das Werkstattgespräch mit Didier Rouget für euch  zum Nachhören. Lohnt sich!

Fotoausstellung von Angelika Huber
und Rede von Jürgen Lütz

Odeon Foyer Agnes Varda

Nach dem Werkstattgespräch eröffnete Jürgen Lütz im Odeon-Kino die Ausstellung der Fotografin Angelika Huber (LaDOC-Mitglied) mit den Fotos von Agnès Vardas Besuch bei LADOC im Winter 2009/2010. Foto: Claudia Richarz

 

Liebe Angelika Huber,

ich bin gebeten worden, etwas zur Eröffnung deiner Fotoausstellung zu sagen.

Aber zuerst muss ich mich als Hausherr des ODEON bei allen LaDOC Mitstreiterinnen bedanken, stellvertretend bei Elfriede Schmitt und Caroline Nokel, dass sie uns diese tolle Veranstaltung organisiert haben.

Als deutscher Herausgeber von „Varda par Agnès“, kann ich auch nur danke sagen und Respekt zollen, ich hätte das weder finanziell noch organisatorisch geschafft, den Koregisseur und langjährigen Mitarbeiter von Agnès Varda, Didier Rouget, nach Köln zu holen.

Liebe Angelika Huber, als Filmverleiher bin ich sehr an der Interaktion von Fotographie und Film interessiert. Etwa der Zusammenhang von stehendem Bild und bewegtem Bild, die Zeitlichkeit, die man als Betrachter einer Ausstellungs-Fotographie selber steuert und die vom Regisseur gesteuert wird, wenn ein Film das für einen tut. All das fasziniert mich sehr. Einen Film macht man ja auch aus einzelnen stehenden Bildern.

Annie Ernaux verweist in ihrer autobiographischen Literatur immer wieder darauf, wie wichtig die Zuordnung von biographischen Daten und Fotographien ist. Liebe Angelika, Deine Bilder markieren uns zwei Zeitpunkte: den 17. Januar 2010 und den heutigen Tag fast 10 Jahre später.

Das bringt mich darauf, um auch nur annähernd zu begreifen, welche Zeitspanne Agnès Varda mit ihrem Leben und ihrem Werk bereichert hat, die Zeitleiste von Vardas Filmen mit der des ODEON Kinos parallel zu setzen.

Daraus entsteht ein Film, der zwischen den Locations von Vardas Filmen und Köln hin- und herspringt.

1954 erstellt die Theater-Fotografin Agnès Varda ihren ersten Film La Pointe Courte“, mit dem sie erstes Aufsehen generiert.

1954 planen die Eigentümer der Kriegsbrache Severinstraße 81, die im Krieg vollständig zerstörte sogenannte ‚Vrings-Oper‘ wiederaufzubauen

1956 ewird das „Rhenania“ Lichtspieltheater eröffnet, es laufen „Die Trapp-Familie“, „Der Hauptmann von Köpenick“ (mit Heinz Rühmann)

1961: Agnès Varda veröffentlicht „Cleo – zwischen 5 und 7“ („Cléo de 5 à 7“)

1961: Im ODEON läuft immer noch Heinz Rühmann, aber mittlerweile in  den „Pater Braun“-Filmen und in „Max der Taschendieb“

1965 bringt Agnès Vardas kommerziellen Durchbruch mit „Le Bonheur“, der in Deutschland den Titel trug: „Das Glück. Aus der Sicht des Mannes betrachtet.“

1965: Im ODEON läuft „Old Shatterhand“, „Winnetou II“, und natürlich „Goldfinger“ aus der James-Bond-Reihe

1977: Agnès Varda veröffentlicht „Die eine singt, die andere nicht“ („L’une chante, l’autre pas“)

1977: Im ODEON eröffnet Trude Herr ihr Theater im Vrings Veedel.

1985: Agnès Varda dreht „Sans toit ni loi“, der 1986 in Deutschland unter dem Titel „Vogelfrei“ in die Kinos kommt und ihr erfolgreichster Film in Deutschland wird.

1986: Ende des Jahres muss Trude Herr ihr Theater aus gesundheitlichen Gründen schließen.

1987: Agnès Varda kooperiert mit Jane Birkin für den Film „Le petit amour“, der in Deutschland unter „Die Zeit mit Julien“  oder auch als „Kung-Fu master!“ läuft.

1987: Aus dem zum Theater wird wieder unter dem Namen ODEON wieder ein Kino.

2000: Agnès Varda veröffentlicht ihren einflussreichsten Dokumentarfilm „Die Sammler und die Sammlerin“ („Les glaneurs et la glaneuse“). Der Film über Menschen, die davon leben, was andere wegwerfen, wird zu einem Bekenntnis Agnès Vardas zu den einfachen Menschen, konsequenter Weise befragt sie zwei Jahre später noch mal ihre Protagonisten.

2002: „Die Sammler und die Sammlerin … zwei Jahre später“ („Les glaneurs et la glaneuse … deux ans après“).

Ende 2001: Das ODEON wird für einige Monate geschlossen und im März 2002 von den aktuellen Betreibern wieder eröffnet.

2008: Agnès Varda veröffentlicht „Die Strände von Agnès“ (Les plages d’Agnès)

2008: Das Odeon teilt den großen Saal.

2009: Im September kommt „Les plages d’Agnès“ unter dem Titel „Die Strände der Agnes“  in Deutschland ins Kino.

2009/2010: Im Dezember 2009 und Januar 2010 anlässlich des 5jährigen Bestehens der Programmreihe LaDOC Lectures veranstaltet das Filmnetzwerk LaDOC die große Hommage und Retrospektive von Agnès Varda mit Filmen (Odeon Kino), Fotoarbeiten (Institut Français) und ihrer Installation „Patatutopia“ (Orangerie).

2017: Agnès Varda veröffentlicht „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ („Visages Villages“) gemeinsam mit dem Streetart Künstler JR. Auch dieser Film lebt vom Zusammenspiel von Fotographie und Film.

2018: Agnès Varda und Didier Rouget  stellen „Varda par Agnès“ fertig.

2019: „Varda par Agnès“ hat seine Weltpremiere im Februar 2019 auf der Berlinale. Bei diesem Anlass erhält Agnès Varda die Goldene-Berlinale-Kamera, Anerkennung und Ehrung nach der Goldenen Palme für ihr Lebenswerk im Cannes (2015) und einem Ehrenoscar im Jahr 2017. Die Künstlerin, die Grande Dame des Weltkinos und Mitbegründerin der Nouvelle Vague, verabschiedet sich von ihrem Publikum mit dem Satz: „Ich fühle mich alt und muss mich darauf vorbereiten, auf Wiedersehen zu sagen.“ Agnès Varda stirbt am 29. März 2019.

2020: Mitte Februar, wir sind dank ihrer Fotografien, ihrer Filme und ihrer Installationen hier und heute bei der LaDOC Hommage à Agnès Varda – Von der Lust die Welt zu bewohnen“ (Auftakt am 20.11.2019 – Link einfügen) mit Agnès Varda beschäftigt. Und zwar, begegnen wir, nach der Präsentation ihres nun letzten Films „Varda par Agnès“ und dem Werkstattgespräch mit Didier Rouget im Kinosaal, der großen einzigartigen Agnès Varda, dank deiner Bilder Angelika, die jetzt in unserem Kino Cafe hängen.

Sie werden vermutlich länger hängen als der Film hier im Programm ist, und sicher werden schon bald Gäste im Cafe sitzen und sich fragen, wer ist das da auf den Bildern? Sie alle, die Sie heute am 16 Februar 2020 hier sind, aber haben dank „Varda par Agnès“ eine Vorstellung, wer das ist.  Den anderen Besuchern unseres Kinos werden wir von Agnès Varda, unserem Kino und dem Filmnetzwerk LaDOC erzählen, wenn wir gefragt werden.

Köln, den 16. Februar 2020 Jürgen Lütz, Geschäftsführer des Odeon Kino, Köln

Inhaber von FilmKinoText Filmverleih, Bonn
Copyright Jürgen Lütz + Filmnetzwerk LaDOC

 

Veranstaltung in der KHM November 2019

Die LaDOC Lectures zum Gedenken an Agnès Varda hatten mit einer Abendveranstaltung am 20. November 2019 mit einem Kurzfilmprogramm und dem Vortrag Agnès Vardas Wechselspiele zwischen Malerei, Fotografie und Film von Prof. Dr. Christa Blümlinger in der Kunsthochschule für Medien begonnen. Einen Tonmitschnitt des Vortrags von Prof. Dr. Blümlinger findet ihr hier:

Informationen zum Film

VARDA PAR AGNÈS von Agnès Varda

Frankreich 2018, Dokumentarfilm
Französisch mit deutschen Untertiteln
115 Minuten · Farbe

 

Varda By Agnes_ Original mit engl. Untertiteln from Jürgen Lütz on Vimeo.


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