Foto: Angelika Huber

Konferenz | 29 November 2018  

Eröffnungsrede der Konferenz Macht Strukturen!

Sehr geehrte Damen und Herren,

wer Macht hat, entscheidet. Darauf kann man sich einigen.

Aber welchen Einfluss haben die konkreten Strukturen von Macht auf die Entscheidungen, die darin getroffen werden?

Die diesjährige LaDOC Konferenz widmet sich einem Thema, das gleichermaßen komplex wie konkret ist. Wir fragen:

Wie kommt öffentlich-rechtliches Medienprogramm zustande?
Welche Konstruktionen von Wirklichkeit finden sich darin wieder?
Welche Rolle fällt uns als FilmemacherInnen in diesem Entscheidungsprozess zu?

Im Juli entschied das Bundesverfassungsgericht über die Rechtmäßigkeit der sogenannten Haushaltsabgabe für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In diesen 17,50 EUR, die jeder Haushalt im Monat bezahlen muss – auch wenn er sie vielleicht lieber Netflix geben würde – steckt ein demokratisches Grundprinzip.

Denn – ich zitiere den Verfassungsrichter Ferdinand Kirchhof aus einem Interview in der FAZ:
„In unserer Hochkultur des offenen Meinungsaustauschs ist es unerlässlich, dass die Bürger ihr Wissen aus vielen Quellen schöpfen. Ein reiner Privatfunk lebt von Werbung, richtet sein Programm darauf aus. (…) Der goldene Zügel der Werber lenkt verdeckt, aber straff Bedarf, Geschmack und Stilbildung der Zuschauer.

Das bedeutet: wir leisten uns gemeinsam einen unabhängigen Rundfunk und dürfen umgekehrt erwarten, dass wir nicht gelenkt werden, sondern uns mit unseren Interessen und Eigenheiten darin wiederfinden. Denn der Obolus erlaubt den öffentlich-rechtlichen Sendern – wieder Kirchhoff – „ohne Druck zu Marktgewinnen die Wirklichkeit unverzerrt darzustellen.”

Viele hier Anwesende schöpfen aber nicht nur als Bürger „Wissen aus vielen Quellen”, sondern produzieren als freie Kreative einen beträchtlichen Teil der Inhalte dieses unabhängigen Rundfunks – in einigen Bereichen bis zu 90% des gesamten Programms. Sie stellen es im Auftrag der Sender her und bieten den Redaktionen auch eigene Stoffe an. Dabei setzen sie Programmvorgaben der Redaktionen um, greifen aber auch als AutorInnen eigenständig Themen in der Gesellschaft auf.

Sie sind MittlerInnen und Beteiligte, Kreative und DienstleisterInnen, ohne je Teil der abgesicherten Strukturen zu sein, die aus der Haushaltsabgabe finanziert werden. Sie sind der Schwarm, die Vielen, und unterliegen selbstverständlich dem vollen „Druck zu Marktgewinn“.

Als im Zuge der #metoo Debatte Fälle von sexuellem Machtmissbrauch im WDR öffentlich wurden, musste sich der Sender auch Fragen nach seiner inneren Struktur stellen lassen: Wie konnte das geschehen? Warum wurde nicht viel früher auf Hinweise reagiert? Befördert das bestehende Konstrukt von Hierarchie im WDR den Missbrauch von Macht?

Uns war schon früh klar, dass Machtstrukturen, die sexuelle Belästigung ermöglichen, auch Auswirkung auf die Stellung der freien MitarbeiterInnen haben.
LaDOC nahm gemeinsam mit dem Filmbüro NW, der AG Dok-West und dem dokomotive filmnetzwerk öffentlich dazu Stellung und thematisierte die Ballung von Macht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Zitat aus der Stellungnahme:
„Kommt es zu einer derartigen Konzentration von Macht, dann können Einzelne den Inhalt und die Gestalt von Filmen oder die Entwicklung von Berufsbiografien so nachhaltig beeinflussen, dass ihr Geschmack zum Mainstream wird. Es finden sich in den Sendern genügend Beispiele für dieses Phänomen, bei Entscheiderinnen und Entscheidern gleichermaßen. Diese normale Praxis macht nicht nur anfällig für Formen von Machtmissbrauch, sondern reduziert auch systematisch Pluralität innerhalb der Branche.”

Denn es gibt auch andere „goldene Zügel” als die Gewinnabsicht, die „Bedarf, Geschmack und Stilbildung der Zuschauer” lenken können. Auch die Furcht vor abnehmenden ZuschauerInnenzahlen und dem möglichen Verlust der eigenen Legitimation sind ein starker Motor. Aber nicht einmal diesen Auftrag gibt das Bundesverfassungsgericht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Er soll Möglichkeiten bereithalten, uns unvoreingenommen über den Zustand unserer Gesellschaft Gedanken zu machen.

Noch einmal Kirchhof:
„Rundfunk wird nicht am Kiosk gekauft oder wie Strom am Zähler abgerechnet. Rundfunk funkt überall herum. Für diese Fälle hat unser Recht den „Beitrag“ entwickelt: Belastet werden die Menschen, die eine Leistung üblicherweise nutzen. Das ist vergleichbar einer Kurtaxe, die jeder Urlauber zahlt, auch wenn er nie in den Kurpark geht.”

Die Entscheidung darüber, was umfassend oder verzerrend an der Darstellung der Wirklichkeit ist, liegt demnach bei den Sendern selbst und deren Rundfunkräten. Sie sollen lediglich für uns alle den Kurpark bereithalten. Weiter nichts. Trotzdem treibt die Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen, die Entscheidung selbst durch die hierarchischen Instanzen der Sender, ohne dass dieser Prozess und die verantwortlichen Akteure für die freien Kreativen transparent sind. Sie dürfen nur beobachten, dass das Programm immer stärker in vordefinierte Module zergliedert wird, die zu formalen Behältern für immer wieder andere Inhalte werden.
Eine Fokussierung auf klar lesbare Inhalte ist überall spürbar, und die Praxis im Programm einen Spielfilm und einen Dokumentarfilm zum selben Thema zu paaren und das Thema dann auch noch durch Talkshow – Runden besprechen zu lassen, ist ein Symptom dieser Vorstellung von „unverzerrter Darstellung von Wirklichkeit“.
Sie umzingelt eine Absicht und setzt keine weiteren Gedanken frei.

Der Fernsehdirektor des WDR, Jörg Schönenborn, hat sich in Reaktion auf unsere Stellungnahme mit uns getroffen und uns seine Sicht dargelegt. Die im Sender geschaffenen Strukturen sollen demzufolge dabei helfen, die unternehmerischen und programmlichen Ziele bestmöglich umzusetzen und effizient zu erreichen. Aus seiner Sicht seien Formate ein wesentlicher Schlüssel zur Zuschauerbindung im Fernsehgeschäft.

Das zeigt, dass es eben doch darum geht, zu senden, was Erfolg verspricht. Auch wenn der perfekte vorurteilslose 360°-Blick auf eine Gesellschaft eine Fiktion ist, ist Pluralität dennoch eine alltagstaugliche Annäherung an eine faire Abbildung von Wirklichkeit. Aber viele Stimmen brauchen auch unterschiedliche Wege in die Entscheidungs-und Produktionsabläufe des Senders hinein. Das Gegenteil ist jedoch die Praxis und hier sei auf eine unabhängige Quelle verwiesen, nämlich auf den Prüfbericht von MonikaWulf-Mathies, die im Auftrag des WDR den Umgang des Senders mit Fällen sexueller Belästigung aufarbeiten sollte:

„Wenn Führungspositionen oft auf viele Jahre von denselben Personen besetzt sind, entstehen Machtpositionen und Erbhöfe, in denen eine eher einseitige Personalauswahl betrieben wird.
So bilden sich innere Zirkel, in denen man sich gegenseitig fördert. Wer nicht dazu gehört, hat dagegen wenig Chancen auf Aufstieg und Beförderung. Es wundert deshalb auch nicht, wenn hier Korpsgeist und Anpassung eine größere Rolle spielen als Offenheit und Respekt.

Die vielen Hierarchiestufen erschweren darüber hinaus eine klare Zuordnung von Verantwortung. Flachere Hierarchien, die ohnehin für Auftrag und Arbeitsweise von Hörfunk und Fernsehen geeigneter wären, würden die Delegation von Verantwortung an die Stellen ermöglichen, die das jeweilige Thema bearbeiten. Diese würde nicht nur zu einer Beschleunigung von Entscheidungen und zur Entlastung vieler Führungskräfte beitragen, sondern auch die Motivation und Arbeitszufriedenheit vieler Mitarbeiter erhöhen.“

Was uns – die Freien und die Internen – eint, ist die Sorge um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wir alle wissen, er ist unerhört kostbar. Die Vorstellungen, wie der damitverbundene Auftrag nach bestem Können und Gewissen erfüllt werden muss, liegen zum Teil weit auseinander. Das ist auch gut so. Darüber kann und muss gestritten werden.Nach der Präsentation des Wulf-Mathies Berichts nahm Fernsehintendant Buhrow die Kritik an den hierarchischen Strukturen entgegen und wir sehen, dass sich etwas bewegt im WDR. Das wird auch eine Auswirkung auf die anderen öffentlich-rechtlichen Sender haben.

Wir begrüßen das, haben aber gleichzeitig die Sorge, dass dieses sich selbst Hinterfragen und an die Strukturen Gehen nicht nachhaltig ist. Wir sind überzeugt, dass nicht zuletzt die Kompetenz und Vielfalt der Freien den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärken kann und muss. Wir wollen mehr eingebunden sein und zwar auf Augenhöhe, nicht als Dienstleister.

Deshalb fordern wir:

Schaffen Sie mehr unterschiedliche Wege in den WDR hinein und stärken Sie die Entscheidungsbefugnisse ihrer Redakteurinnen und Redakteure.

Machen Sie die Entscheidungswege innerhalb des WDR transparent. Wir brauchen verlässliche und faire Partner.

Gestalten Sie Verträge mit freien AutorInnen und ProduzentInnen so, dass diese angemessen daran verdienen und sich Freiräume für neue Ideen leisten können.

Verringern Sie den Gegensatz zwischen Innen und Außen.
Wer für den WDR arbeitet, verdient Mitsprache und Wertschätzung.

Die diesjährige LaDOC Konferenz MachtStrukturen! versucht die Fäden zu entwirren: Die Themen reichen vom arbeitsrechtlichen Umgang mit freien Mitarbeitern, von inhaltlicher Kompetenz und Mitsprache bis hin zu flexiblen Strukturen, die ein Ringen um die Darstellung der Gesellschaft befördern. Wer glaubt, das alleine von oben erkennen zu können, hat sich zu weit von der Lebendigkeit solcher Prozesse entfernt.

Das LaDOC Filmnetzwerk treibt hier in Köln eine Debatte weiter voran, die durch die Konferenzen Wendepunkte 2016 und Kraftfelder 2017 in Gang gesetzt wurde: In der Standortbestimmung als filmemachende Frauen, mit stereotypen Wendepunkten in den Biografien, entdeckten wir Arbeitszusammenhänge, in denen Frauen Generationen übergreifend Kraftfelder in die Branche gesetzt und sie so für uns alle verändert haben. Mit der Frage nach den Strukturen von Macht und öffentlichem Geld sind wir bei einem Thema angekommen, von dem alle gesellschaftlichen Gruppen nachhaltig betroffen sind: Zugang zu und Repräsentation in den Medien. Wir Frauen kennen Ausschluss in all seinen Spielarten und Argumenten. Wir wissen um die unterschiedlichen Privilegien, die uns Herkunft, Bildungsstand und Hautfarbe darin gewähren können. Wir tragen diese Erfahrungen explizit und stellvertretend für alle in diese Diskussion, die davon betroffen sind.

Unsere Gäste in diesem Jahr sind:

Die Filmkritikerin Sophie Charlotte Rieger, für die ein grundlegender Strukturwandel längst überfällig ist. Wie bereichernd und unverzichtbar der wäre, darum ging es in ihrem Workshop „Gender Diversität in Film und Fernsehen“, mit dem die Konferenz heute begonnen hat.

Die ungarische Regisseurin Bernadett Tuza-Ritter konfrontiert mit ihrem abendfüllenden Kinodokumentarfilm „Eine gefangene Frau“ insbesondere westliche ZuschauerInnen mit Sklaverei im 21. Jahrhundert – mitten in Europa. In der Lecture Großer Film? Kleiner Film! gibt sie Einblick in ihre Arbeit und die turbulente Filmproduktion vom Studentenfilm bis zur Oscar-Qualifikation.

Der Politikwissenschaflter Dr. Rikki John Dean, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Frankfurt, präsentiert in seinem Impulsvortrag den Stand seiner aktuellen Forschung zu Demokratie und unterschiedlichen Modellen von Partizipation – für mehr Offenheit und Diversität.

In einem für die Konferenz entwickelten Experiment macht Dialogprozessbegleiterin Halla Zhour zusammen mit den KonferenzteilnehmerInnen Entscheidungsprozesse transparent und stellt die Mechanismen im Hintergrund in Frage.

In der Lecture Macht und Sex mit der in Berlin lebenden Schriftstellerin und Drehbuchautorin Anke Stelling geht es um Machtverhältnisse in der Literatur und im Literaturbetrieb.

Die Journalistin Esther Göbel spricht über ihre Erfahrungen mit flachen Hierarchien bei ihrer Arbeit für die Schweizer Zeitschrift Reportage und das digitale Magazin Krautreporter.

Zwei auf die Themen der Konferenz zugeschnittene Kurzfilmprogramme, kuratiert von der Filmwisssenschaftlerin Madeleine Bernstorff, erweitern das Thema auf die Leinwand.

Wie auch in den Jahren zuvor endet die Konferenz mit der großen Abschlussrunde. Um konkret werden zu können, haben wir RedakeurInnen eingeladen. Aus dem WDR kommen Matthias Kremin, Programmleiter Kultur und Wissenschaft und Christiane Hinz, Leiterin der Programmgruppe Gesellschaft und Dokumentation. Vom ZDF wird Claudia Tronnier, Redaktionsleiterin des Kleinen Fernsehspiels, teilnehmen.
Wie immer wird es keine Panelveranstaltung geben, sondern alle Anwesenden sind eingeladen und aufgefordert, gemeinsam darüber nachzudenken, wie sich Machtstrukturen verändern sollen, um Wirklichkeit vielfältig und unversehrt darzustellen.

Vielen Dank an das Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW und das Kulturamt der Stadt Köln, die uns seit vielen Jahren finanziell unterstützen.
Und ein großes, großes Dankeschön an die Kunsthochschule für Medien, die die Konferenz im dritten Jahr mit MitarbeiterInnen, Räumen und Technik unterstützt sowie an Dr. Juliane Kuhn und die Gleichstellung der Kunsthochschule für Medien, die uns finanziell unterstützt.

Für die Eröffnung heute danken wir Jürgen Lütz und dem Team des ODEON Kino Köln, bei dem wir dieses Jahr zum ersten Mal zu Gast sind.

Sehr verbunden sind wir unseren langjährigen Sponsoren und Kooperationspartnern: der Dokumentarfilminitiative, Berndt Media und der Kinokulturzeitschrift choices.

Unsere Publikationen werden unterstützt von tanmedia.

Und danke an das Filmbüro NW, das uns in diesem Jahr erstmals unterstützt.

Dank auch an Svetlana Ivanova, Kurzfilmagentur Hamburg, Antje Ehmann und dem Farocki Institut, Cristina Perincioli, und Diana Kluge – Deutsche Kinemathek, Berlin sowie Carsten Spicher von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen für ihre Unterstützung beim Kurzfilmprogramm.

Wir schätzen uns sehr glücklich, auch diesmal wieder von der österreichischen Spitzengastronomie Gruber’s Restaurant bewirtet zu werden. Jedes Jahr aufs Neue eine große Freude.

Solveig Klaßen und Ute Dilger, euch vielen Dank für die Vermittlung zur und innerhalb der KHM und für eure Mitarbeit.

Vielen Dank Jenny Krüger für die gute Organisation, Lucia Prause-Heeß, die seit Jahren unsere Plakate und Flyer gestaltet. Und einen besonderen Dank an Elfriede Schmitt, ohne die auch diese Konferenz nicht wahr geworden wäre.

Seit der Gründung 2003 ist LaDOC ein Netzwerk ohne Hierarchie. Vorschläge werden gemeinsam beschlossen oder verworfen. Die Verantwortung für die öffentlichen Veranstaltungen lag bisher aber immer in der Hand derer, die vorgeschlagen hatten. Die Konferenz in diesem Jahr ist die erste, die kollektiv konzipiert wurde und deren Realisation in der Hand von Vielen liegt. Wir freuen uns sehr, Sie zu dieser demokratischen Veranstaltung begrüßen zu dürfen.

LaDOC Gastgeberinnen
Konferenz MachtStrukturen!

Die Eröffnungsrede wurde gehalten von Carolin Schmitz bei der Eröffnung am 29.11.2018  im ODEON Lichtspieltheater in Köln. Download der Rede

Die TeilnehmerInnen und Moderatorinnen der Konferenz

 

 


One Response

  1. […] Die Eröffnungsrede. […]

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