lectures,think tank | 6 Dezember 2016  

Eröffnungsrede Wendepunkte

WENDEPUNKTE //  von Carolin Schmitz und Christiane Büchner

Das Gespräch über Wendepunkte hat bereits während der letzten  LaDOC-Lecture im Februar begonnen. Wir hatten damals auch Helke Sander zu Gast, mit ihrem Film „Befreier und Befreite“. Der Film erzählt von den unter dem Begriff Massenvergewaltigungen in die Geschichte eingegangen Übergriffen auf Frauen am Ende des zweiten Weltkriegs. Helke Sander hat mit ihrem Film diesem Begriff nicht nur Gesichter, sondern auch eine längst überfällige Dimension gegeben.  Also nicht irgendein Film. Nicht irgendeine Filmemacherin.

Zu dieser Veranstaltung, die in zeitlicher Nähe (und da sie im Filmforum stattfand auch in räumlicher Nähe) zu den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht 2015/16 stattfand, kamen genau zwei Männer. Einer verschwand leise nach der Filmvorführung, der andere — der Filmkritiker Daniel Kothenschulte — wirkte sichtlich betreten und blieb bis zum Schluss. Obwohl über das Thema Vergewaltigung damals in allen Medien hitzig debattiert wurde, hätte das Desinteresse der Männer an dieser Position einer Frau kaum deutlicher ausfallen können. Diese Beobachtung bringt uns mitten in die Debatte um Quoten. Denn nur weil die Anzahl der Männer an einer Hand abzuzählen war, fielen sie uns als Gruppe überhaupt auf. Wären ein knappes Drittel der Zuschauer Männer gewesen, hätte sich bei den Frauen unwillkürlich das Gefühl von Ausgeglichenheit eingestellt und wir hätten über ganz andere Dinge sprechen können. Das wäre ein Anfang gewesen.

Diese Beobachtung löste eine ganze Kaskade von Gesprächen innerhalb von LaDOC aus, die Carolin Schmitz und ich, zusammen mit Solveig Klaßen von der KHM und Elfriede Schmitt immer weiter fortgesetzt haben.

Wir begannen also mit dem Desinteresse und kamen zu unseren eigenen Interessen. Wir sprachen über Produktionsbedingungen, isolierten die Ideen von den Umständen, kamen zu Zahlen, überließen uns der Statistik und verließen sie wieder. Der Dialog war zu Teilen deprimierend und trotzdem befreiend.

Wir erlaubten uns eine Kollegialität, die uns erleichterte und wir stellten sie als Solidarität direkt neben die Konkurrenz. Irgendwann schoben sich verschiedene Wahrnehmungen übereinander, und wir begriffen, dass wir einfach an Läusen und Flöhen gleichzeitig litten: Denn natürlich kämpfen sich auch die männlichen Kollegen durch die Zumutungen unser Branche. Aber wir mussten uns eingestehen, dass wir es dabei offensichtlich schwerer haben als sie. Das war kein bisschen schön. Irgendwo scheint es ein großes schwarzes Loch zu geben, in dem Unsereins leicht verschwindet.

Im vergangenen Jahr feierte die Kunsthochschule für Medien ihr 25-jähriges Bestehen. In dieser Zeit haben etwa 300 Frauen im Bereich Film/Animation/Videokunst hier ihren Abschluss gemacht. Das sind ähnlich wie an anderen Film- und Kunsthochschulen etwa 42-45% aller Studierenden.

Über das Projektarchiv haben wir diese Absolventinnen angeschrieben (vielen Dank dafür an Ute Dilger und an ihr Team) und sie gebeten uns einen Text über ihren Werdegang zu schicken. Keinen tabellarischen Lebenslauf, sondern einen persönlichen Text. Wir wollten unser Gespräch breiter machen, noch mehr Aspekte in die Diskussion holen. Mehr verstehen. Das war die Idee. Zunächst bekamen wir überhaupt keine Antwort. Manche mag die Anfrage nicht erreicht haben, andere hatten vielleicht keine Zeit. Dann kamen einige kritische und besorgte Rückfragen. Wir führten Gespräche, erklärten unser Anliegen und bekamen erste Texte zugeschickt. Diese Texte zogen uns wirklich den Boden unter den Füßen weg. Auf keinen Fall würden wir verantworten, dass sich Kolleginnen derart verletzlich machten.

Manche beschrieben, dass sie noch nicht so weit seien all das öffentlich einzugestehen, dass sie noch hofften. Der Filmemacher Simon Brückner hat für diesen Zustand eine gute Umschreibung gefunden: „Wir sind gefangen in einem „Noch-Nicht-Ganz“ oder „Gerade-mal-eben-so“.

Wir entschieden uns die Anonymität der Absolventinnen zu wahren. Diese Zusicherung hat dann noch andere Frauen bewogen uns zu schreiben. Vielen Dank dafür an alle! Es sind viel zu wenige Texte, um die Frage nach dem schwarzen Loch der KHM-Absolventinnen beantworten zu können, aber es sind genug, um Motive darin zu erkennen. Immer wieder kam die Beschreibung sich am Ende des Studiums nicht ausreichend vorbereitet gefühlt zu haben, was die Absolventinnen oft in Jobs führte, die zwar im Filmbereich angesiedelt waren, aber nicht in Richtung Regie führten. Dabei wurden durchaus auch Absolventinnen aus der Hochschule heraus nach ihrem Studium weiter empfohlen. Allerdings — wie es scheint — weniger auf Positionen, in denen sie sich schnell hätten beweisen können.

Am häufigsten verlief die Entwicklung so: Eine Redaktion signalisierte Interesse an dem Nachwuchsprojekt. Dann begann ein ein Prozess mit endlosen Änderungswünschen und Wartezeiten. Immer wieder dauerte der mehrere Jahre. Jobs, die eigentlich als Lern- und Verdienstmöglichkeiten für eine Übergangszeit gedacht waren, bestimmten in dieser Zeit immer mehr das Profil der Filmemacherinnen. Am Ende wurde das Projekt nicht verwirklicht und die Energie verdampfte. Die Texte der Filmemacherinnen, die erfolgreicher Fuß fassen konnten, legen nahe, dass Absolventinnen, die es geschafft haben, sich während dieser ersten Phase eine stabile Einkommensquelle zu sichern und gleichzeitig feste Allianzen mit Produktionsfirmen, Redaktionen und anderen Netzwerken eingehen konnten, eher in der Lage waren kontinuierlich Filme zu drehen. Diejenigen, denen das nicht gelang, verloren recht bald den Glanz „des jungen Talents“. Leider gehört auch das Älterwerden und die nachlassende Attraktivität in den Bereich der schwindenden Möglichkeiten von Frauen. Wir hätten es nicht geglaubt.

Besonders bestimmend scheint nach wie vor die Kinderfrage / wahlweise die Pflege von Angehörigen zu sein. Kinder, die für ihre Väter eher zum Karrierebeschleuniger werden (weil sie sie zwingen kontinuierlich Geld zu verdienen), wirken sich bei ihren filmemachenden Müttern oft bremsend aus.

Häufig kamen die Kinder aber auch zu einem Zeitpunkt, an dem die Filmemacherinnen bereits viel Kraft in ihrer Arbeit gesteckt hatten und die Aussicht eine Filmidee durch alle Etappen der Finanzierung, Produktion und Auswertung durchzusetzen weniger sinnstiftend erschien, als diese Zeit mit ihren Kindern zu verbringen (stets kombiniert mit einem Brotjob, der sie finanziell unabhängig machte).

Die meisten fanden sich irgendwann in einer Situation wieder, in der das Filmemachen schlicht kein Beruf mehr war, sondern ein aufwändiges Hobby, häufig auf Kosten naher Angehöriger. Die Entwertung ihrer Arbeit machte die Frauen wütend. Eine Absolventin wollte nicht einmal UNS einen Text schreiben, weil sie für sich entschieden hatte, überhaupt nichts mehr für andere zu schreiben, ohne dafür ein Honorar zu bekommen. In aussichtslosen Situationen haben sich alle Filmemacherinnen, die uns geschrieben haben, beruflich neu ausgerichtet. Manche finanzieren und vermarkten ihre Filme jetzt selbst, nutzen ihre Kompetenz außerhalb der Film- und Medienbranche oder arbeiten in anderen Berufen. Alle arbeiten und verdienen Geld. Die meisten waren dabei sehr erfinderisch und sind nicht unglücklich, mit dem was sie jetzt tun. Aber einmal angesprochen auf ihren Weg dahin, sind sie schonungslos in ihrer Beschreibung.

Die Konferenz WENDEPUNKTE ist also ein Versuch die eigenen Entscheidungen gemeinsam zu hinterfragen, die Kräfte genau zu betrachten, die die persönlichen Wenden brachten und sie auch gemeinsam zu sehen. Dass wir dafür auch Auslassungen akzeptieren müssen ist uns klar. Wir alle, Filmemacherinnen und Filmemacher, leiden unter der harten Konkurrenz, der lähmenden Zaudrigkeit, dem Mangel an Versuchen, dem Fehlen von Humor und Gelassenheit, dem Verschwinden von Anspruch und Maßstab. Wir lassen uns nicht gerne in die Karten schauen. Aber wenn wir selbst unser Blatt betrachten, dann sehen wir wie überschaubar unsere Spieloptionen sind.

Wir müssen ALLE darüber nachdenken, wie wir weiter Filme machen wollen, und wie wir möchten, dass unsere Filme wahrgenommen werden. Wir Frauen brauchen Quoten, das liegt auf der Hand (und wir wissen, dass unsere Kollegen das auch wissen). Aber wir können nicht einfach warten bis die Quoten greifen. Wir müssen unsere Situation jetzt realistisch beschreiben, uns trotzdem Handlungsspielräume schaffen und nicht einfach aufgeben. Wir suchen kein Rezept, wir suchen Ausdrucksmöglichkeiten. Dafür hat man uns — z.B. hier in dieser Hochschule — ausgebildet. Diesen Prozess flüssig zu halten, ihn gerechter und respektvoller zu machen, das ist unser Ziel.

Köln, 2.12.2016

LaDOC-Konferenz Wendepunkte, - Programmflyer Foto Angelika Huber

LaDOC-Konferenz Wendepunkte, — Programmflyer Foto Angelika Huber

 

Wir freuen uns schon seit Wochen auf die Gespräche mit unseren Gästen, den Regisseurinnen Corinna Belz, Susanna Salonen, Helke Sander und Iris Gusner. Euer Buch FANTASIE UND ARBEIT war die Blaupause für diese Konferenz!

Wir sind gespannt auf die Erfahrungen und Wünsche der Filmemacherinnen Laurentia Genske, Mareike Wegener, Moira Himmelsbach, Stephanie Englert und Berta Valin Escofet, die erst vor mehr oder weniger kurzer Zeit hier an der KHM ihren Abschluss gemacht haben. Wir sind dankbar für ihre / Eure Bereitschaft offen mit uns zu sprechen. Wir danken den Referentinnen Prof. Dr. Christa Blümlinger und Prof. Dr. Sabine Rollberg für ihre Einwürfe, und Dr. Grit Lemke, die in der großen Abschlussrunde am Sonntag Nachmittag noch einmal alle Stimmen sammeln, bündeln und nebeneinander stellen wird.

Auch dazu gibt es geladene Gäste: Sabine Herpich, Filmemacherin und Mitglied des fsk-Kinos, Dr. Silke Räbiger, Leiterin des Frauenfilmfestivals Dortmund / Köln, Barbara Teufel, Filmemacherin, ehemalige Lehrende an der KHM und im Vorstand von ProQuote Regie. Wir laden alle herzlich ein. Kommt zu Hauf! Und natürlich danken wir von LaDOC Filmnetzwerk allen, die uns diese wertvollen Tage ermöglicht haben.

Dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW, Dem Kulturamt der Stadt Köln, Der Dokumentarfilminitiative im FilmbüroNW, Dem Gleichstellungsbüro der Kunsthochschule für Medien

tanmedia für die wunderbaren Druckwaren und der Kinokulturzeitschrift choices für die werbliche Unterstützung. Wir danken dem Rektorat der Kunsthochschule für Medien für diesen schönen Ort. Den Filmvorführern Michael Straßburger und Aleksandar Obradovich für ihre Unterstützung bei der Projektion der Filme. Der Haustechnik und dem Studentenwerk für ihre Hilfsbereitschaft. Da wir auch einen angenehmen und geselligen Rahmen schaffen wollten, danken wir tief aus dem Bauch heraus Gruber’s Restaurant, das schon seit langer Zeit LaDOC kulinarisch unterstützt. Vielen Dank!

Ganz innig und von Herzen danken wir beide im Namen von LaDOC Solveig Klaßen und Elfriede Schmitt. Ohne deren Bereitschaft sich in jeder erdenklichen Weise mit uns in dieses Vorhaben zu stürzen, wäre das alles vielleicht doch nur ein hitziges Gespräch im kleine Kreis geblieben.